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Warum Integrierte Versorgung? – Die 7 Rationalen für die Notwendigkeit neuer Versorgungsformen...! | Integrierte Versorgung in der Psychiatrie

Nachfolgend finden Sie einige wichtige Rationalen, welche die Notwendigkeit für die Entwicklung, Erprobung und Implementierung neuer Versorgungsformen plausibel machen. Klicken Sie auf die jeweilige Rationale und informieren Sie sich...!

1. Psychische Erkrankungen sind häufig!
2. Viele psychische Erkrankungen beginnen früh!
3. Psychische Erkrankungen sind häufig unerkannt!
4. Psychische Erkrankungen sind häufig lange unbehandelt!
5. Psychische Erkrankungen verursachen schwerwiegende Belastungen!
6. Die gesundheitsökonomische Belastung durch psychische Erkrankungen ist immens!
7. Das derzeitige Versorgungssystem hat schwere Defizite!

1. Psychische Erkrankungen sind häufig!

  • 38% der EU-Bevölkerung leiden in jedem Jahr unter zumindest einer eindeutig diagnostizierten psychischen Erkrankung. In Zahlen ausgedrückt sind dies 164.8 Millionen EU-Bürger. Im Vergleich zu 2005 ergeben sich KEINE Hinweise auf eine Zunahme psychischer Erkrankungen. Die scheinbar höhere Prävalenz (2005: 27% versus 2010: 38%) ist auf die zusätzliche Berücksichtigung von psychischen Er-krankungen bei Kinder- und Jugendlichen sowie die Einbeziehung zusätzlicher Er-krankungen im Erwachsenenbereich bedingt (z.B. Posttraumatischen Belastungs-störungen, Schlafstörungen, Persönlichkeitsstörungen).
  • Die Raten sind mit 31% bei Kinder und Jugendlichen und 30% bei Älteren in allen Altersgruppen ähnlich hoch.
  • Wichtig ist, dass nur 39% der 164.8 Millionen Bürger chronisch psychisch erkrankt sind, d.h. über Jahre oder gar von der Adoleszenz bis an ihr Lebensende betroffen sind. Die übrigen 61% haben einen episodischen Verlauf von durchschnittlich 2-6 monatiger Dauer.
  • Angststörungen und die unipolare Depression weisen die höchsten Prävalenzen auf. Speziell die unipolare Depression wird nach Schätzungen der WHO im Jahr 2020 weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein, in den sog. entwickelten Staaten sogar die häufigste.

  • Männer und Frauen erkranken insgesamt gleichhäufig, allerdings gibt es große Unterschiede in Bezug auf einzelne psychische Erkrankungen. So erkranken Männer deutlich häufiger an einer Suchtstörung wohingegen Essstörungen, Depressionen oder Angststörungen bei Frauen häufiger sind.
  • Über 50% der Betroffenen haben mehr als eine psychische Erkrankung. Bestehen mehrere psychische Erkrankungen gleichzeitig besteht eine erhöhte Gefahr der gegenseitigen negativen Beeinflussung, d.h. beide Erkrankungen chronifizieren eher.
  • Psychische Störungen sind für 90% aller Suizidversuche und vollendete Suizide verantwortlich. Im Jahr 2006 starben vergleichsweise mehr EU-Bürger durch Suizid als im Straßenverkehr. Männer sind dreimal häufiger betroffen als Frauen Die Zahl der Suizidversuche liegt gegenüber den vollendeten Suiziden im Mittel sogar um einen Faktor 10 bis 15 höher.

2. Viele psychische Erkrankungen beginnen früh!

  • Viele psychische Störungen beginnen in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter und damit in wichtigen Lebensabschnitten für eine erfolgreiche gesundheitliche Entwicklung.
  • Wenn man die Demenz nicht berücksichtigt, ist das Hauptmanifestationsalter aller psychischen Erkrankungen 19 Jahre (im Median). Zwischen dem 7. und 24. Lebensjahr haben sich 75% aller psychischen Erkrankungen manifestiert.
  • Frühe psychische Erkrankungen haben vielfältige negative Effekte auf viele Bereiche des Lebens haben (z.B. akademische Erfolge, berufliche Karriere, Partnerschaft und Familienleben). Bleibt eine adäquate Behandlung einer psychischen Störung im frühen Verlaufsprozess aus, ist das Risiko für eine lebenslange Leidensgeschichte und Beeinträchtigung stark erhöht.
  • In Bezug auf die gesamte Krankheitslast in Europa (engl. ‚Disability-adjusted Life Years (DALY) = Lebensjahre mit Behinderung) werden im Altersspektrum von 15-29 Jahren nahezu 60% aller Lebensjahre mit Behinderung durch psychische Erkrankungen verursacht.

3. Psychische Erkrankungen sind häufig unerkannt!

  • Auf der Basis der gemeinsamen Analyse der letzten 37 WHO-Studien ist davon auszugehen, dass etwa 30 bis 80% aller psychisch Erkrankten immer noch unerkannt und unbehandelt sind. Die Raten variieren dabei krankheitsspezifisch von 30% bei Schizophrenie bis zu 78% bei Alkoholmissbrauch und abhängigkeit.

4. Psychische Erkrankungen sind häufig lange unbehandelt!

  • In Deutschland, wie auch in anderen Ländern, vergehen oft viele Jahre bis eine erste (adäquate) Behandlung beginnt. Die Varianz der Behandlungsverzögerung ist groß und reicht von durchschnittlich 1.8 Jahren bei Anorexie bis 14.7 Jahre bei Angststörungen. Durchschnittlich über alle psychischen Erkrankungen besteht eine Behandlungsverzögerung von 6.8 Jahre!

  • Diese Behandlungsverzögerung kann schwerwiegende Konsequenzen für den Verlauf der Erkrankung und die Gesamtprognose haben, u.a. für den Rückgang der Symptome und die Rückfallgefahr, für das soziale Funktionieren inklusive die Arbeitsfähigkeit, Teilhabe am Sozialleben oder Frühberentung, auf die Lebensqualität, der Gefahr suizidalen Verhaltens und die Entwicklung komorbider psychischer Erkrankungen.
  • Dementsprechend ist auch plausibel, dass eine Behandlungsverzögerung mit erhöhten Behandlungskosten und gesamtgesellschaftlichen Kosten verbunden ist.

5. Psychische Erkrankungen verursachen schwerwiegende Belastungen!

    Die Gesamtbelastung, welche durch psychische Erkrankungen entstehen, sind immens und beinhalten:
  • Patientenbelastung (z.B. Leiden durch Symptome und Behinderung, Stigmatisierung)
  • Angehörigenbelastung (z.B. Partner/Familie, Alltag und Finanzen, Stigmatisierung)
  • Versorgungssystem-Belastung (emotional, logistisch, finanziell)
  • Gesellschaftliche Belastung (Behandlung, Arbeitsausfall, Arbeitslosigkeit, frühzeitige Berentung)
  • Gesundheitsökomische Belastung:
    • Direkte Kosten (Krankenhaustage, Medikamente, Psychotherapiesitzung, etc.)
    • Indirekte Kosten (Krankheitstage, Produktivitätsausfall, frühzeitiger Tod)
    • Soziale Kosten (Heilhilfsmittel, beschützte Wohngruppen, Werkstätten etc.)
    • Andere Kosten (Gerichtskosten, Polizei, Gefängnis etc.)
  • Die Gesamtbelastung lässt auch durch zwei wichtige Maße belegen: den Disability-adjusted life years (DALY) und den Years lived with disability (YLD): Bei Männern sind 23.4% und bei Frauen 30.1% der Gesamtbelastung aller Krankheiten durch psychische Erkrankungen verursacht.
  • Da psychische Erkrankungen häufig früh beginnen, liegt der DALY-Anteil bei 15-29jährigen in Europa bei nahezu 60% der Gesamtbelastung aller Krankheiten.

6. Die gesundheitsökonomische Belastung durch psychische Erkrankungen ist immens!

  • Angesichts der unter 1.-5. genannten Punkte überrascht es nicht, dass psychische Erkrankungen mit hohen gesundheitsökonomischen Belastungen verbunden sind.
  • Von 2002 bis 2006 sind in Deutschland „psychische und Verhaltensstörungen“ verglichen mit allen anderen Krankheitsarten am stärksten um 3.3 Milliarden auf 26.7 Milliarden Euro angestiegen. Ihr Anteil an den gesamten Gesundheitskosten des Jahres 2006 lag in Deutschland bei 11.3% - Tendenz steigend!
  • Gleichzeitig verursachen psychische Störungen mit am meisten Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage), die im Gegensatz zu somatischen Störungen weiter ansteigen. Allein in den letzten 5 Jahren sind bundesweit die Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Störungen um 51% gestiegen. Hierzu passt auch, dass pro Krankheitsepisode psychische Störungen zu wesentlich längeren Ausfallzeiten führen (27.3 Tage) als jede andere Störung (alle Kategorien durchschnittlich 10.4 Tage).

  • Die Hauptmasse der gesamten gesundheitsökonomischen Kosten von psychischen Erkrankungen sind keine direkten, sondern indirekte Kosten des Gesundheitssystems. So haben die gemeinsamen Analysen des European Brain Council und der ECNP-Arbeitsgruppe ergeben, dass psychische Erkrankungen jedes Jahr fast 300 Milliarden Euro Gesamtkosten ausmachen, von denen allein 132 Milliarden Euro mit indirekten Kosten (krankheitsbedingte Ausfalltage, früherer Eintritt in den Ruhestand, vorzeitige Sterblichkeit und verringerte Arbeitsproduktivität wegen psychischen Problemen) zusammenhängen.

7. Das derzeitige Versorgungssystem hat schwere Defizite!

  • Mit geringen Unterschieden zwischen den EU-Ländern erhalten nur 26% aller Betroffenen mit psychischen Störungen irgendeine und noch weniger eine adäquate Behandlung.
  • Die besorgniserregend niedrige Behandlungsrate von psychischen Erkrankungen, kann nicht einfach erklärt werden. Die vielfältigen Gründe umfassen u.a. ein unzureichendes Wissen über psychische Störungen in der Bevölkerung, Angst vor Stigmatisierung und anderen sozialen Konsequenzen, eine unzureichende Früherkennung, Zeitmangel bei den Professionellen und Finanzierungsbedingungen, die durch die sektorale Trennung Fehlanreize setzen und die eine adäquate Versorgung erschweren.
  • Die Versorgung ist in weiten Bereichen durch Unübersichtlichkeit, begrenzte Effektivität, Unwirtschaftlichkeit sowie Unter- und Fehlversorgung gekennzeichnet. Zur Unübersichtlichkeit trägt die Vielfalt der in die Versorgung tätigen Institutionen bei. Die unterschiedlichen Leistungen dieser Versorger sind für die Mehrzahl der Professionellen aus anderen Medizinbereichen und erst recht für Laien und deren Angehörige nicht transparent.
  • Ein besonderes Problem stellt die organisatorische und finanzielle Fraktioniertheit der Versorgung dar. Die Zuständigkeiten sind auf eine Vielzahl von Kostenträgern verteilt, z.B. Krankenversicherung, Rentenversicherung, etc. Diese fraktionierte Versorgung und falsche Belohnungsmechanismen stehen der Umsetzung von ganzheitlichen Behandlungskonzepten und der Schaffung von langfristig zuverlässigen Verantwortlichkeiten im Wege, sie führen zu Schnittstellenverlusten und bedingen erhebliche volkswirtschaftliche Mehrkosten.
  • Dieser Herausforderung müssen sich alle stellen, die Kostenträger, die Leistungserbringer und die Politik.